„Einfach da sein – das hilft schon viel“: Dritter Tag der seelischen Gesundheit in Münster

Die Akteure des Tags der seelischen Gesundheit in Münster (v.l.): Annemarie Stückenschneider (FSP), Dr. med. Tilman Fey, Dipl.-Psych. Judith Schild, Dr. phil. Elke Prestin, Ulrich Hohenbrink (Vorstand FSP)
Die Akteure des Tags der seelischen Gesundheit in Münster (v.l.): Annemarie Stückenschneider (FSP), Dr. med. Tilman Fey, Dipl.-Psych. Judith Schild, Dr. phil. Elke Prestin, Ulrich Hohenbrink (Vorstand FSP) | (Foto: Belle/FSP)

Mehrere hundert Besucher nahmen am 7. Oktober 2017 die Gelegenheit wahr, sich beim „Tag der seelischen Gesundheit“ in Münster zu informieren. „Was geht? Mit der seelischen Erkrankung leben“ war das Motto dreier Vorträge und eines Info-Marktes im Foyer der Bezirksregierung.

Großen Applaus erhielt die Sprachwissenschaftlerin und Psychiatrie-Erfahrene Dr. phil. Elke Prestin für ihren Vortrag über ihr eigenes Leben mit einer psychischen Erkrankung: Wer offen zugebe, psychisch erkrankt zu sein, werde vor allem beruflich diskriminiert. Ihre akademische Karriereplanung sei schnell zusammengebrochen: Die typische Frage „Wo sehen sie sich in fünf Jahren?“ empfindet Prestin heute deshalb als sehr unangemessen. Angesichts der unpassenden beruflichen Maßnahmen, die ihr angeboten worden seien, würde sie rückblickend am liebsten antworten: „Ich bin zwar depressiv, aber doch nicht verblödet!“ Viele Zuhörer dankten Elke Prestin dafür, viel von ihrer Hoffnung vermittelt zu haben – ganz im Sinne des Mottos „Das Dennoch des Lebens“, das sie ihrem Vortrag gegeben hatte. Als sehr hilfreich habe sie alles empfunden, was ihr Selbstwertgefühl gestärkt habe. „Jeder Mensch war gut, der einfach da war, als es mir schlecht ging.“ An hoffnungslosen Tagen sei es wichtig gewesen, dass jemand stellvertretend für sie Hoffnung ausgedrückt habe.
Wer Interesse an der Präsentation zum Vortrag von Frau Dr. Prestin hat, kann sich direkt an die Referentin wenden. Kontaktdaten und weitere Informationen unter http://elke-prestin.de

Dr. med. Tilman Fey, Chefarzt an der LWL-Klinik, begann seinen Vortrag zu Demenz mit einer persönlichen Statistik: „Die Lebenserwartung meiner Kinder liegt zehn Jahre über meiner. Weil unsere Gesellschaft älter wird, nehmen die Demenz-Erkrankungen exponentiell zu.“ Heute lebten in Münster rund 5.000 Menschen mit Demenz, im Jahr 2050 würden es rund 10.000 sein. Die Zahl der stationären Alzheimer-Patienten ist in den letzten 15 Jahren um 85 Prozent gestiegen. Tilman Fey sieht den Leidensdruck insgesamt mehr bei den Angehörigen als bei den Betroffenen. Es sei schwierig, den Gedächtnisverlust hinzunehmen und ihn nicht zu korrigieren: „Man sollte mit Demenzkranken nicht darüber streiten, ob es nun Montag oder Mittwoch ist.“ Die richtige Haltung sei, sich nicht die Defizite zu konzentrieren, sondern auf das zu achten, was ein Mensch trotz Demenz noch gut könne. Besonders wichtig ist Tilman Fey, dass man frühzeitig eine sorgfältige Diagnostik erstellen lasse: „Eine voreilige oder falsche Diagnose kann für die Betroffenen sehr tragische Folgen haben.“
Vortrag »Leben mit Demenz« als PDF-Datei (1,2 MB)

Leben mit Magersucht – dazu schilderte die Psychologin Judith Schild die Geschichte einer ihrer Patientinnen: Diese habe sich schon als Kind stark an die Erwartungen anderer angepasst. Ihre Essstörung habe der Patientin früh die erwünschte Aufmerksamkeit gebracht. Die Krankheit Magersucht erfülle für die Betroffenen oft einen wichtigen Zweck - zum Beispiel, indem sie Halt im Leben gibt und eine eigene Identität schafft. „Wer für diese Identität viel geopfert und gelitten hat, wäre mit dem Ziel einer Überwindung der Krankheit heillos überfordert“ sagt Judith Schild. „Was geht“- diese Frage bedeute für viele Betroffene vor allem, die Magersucht überhaupt zu überleben. Doch auch bei den rund 20 Prozent der Betroffenen, deren Magersucht chronisch verlaufe, sei ein relativ gutes Leben möglich und erstrebenswert.
Vortrag »Leben mit Magersucht« als PDF-Datei (260 KB)

Ulrich Hohenbrink dankte im Namen des Veranstalters Förderkreis Sozialpsychiatrie FSP dem Arbeitskreis medizinische Prävention der Initiative Münster - Allianz für Wissenschaft, dem Bündnis gegen Depression, der Initiative Frauenmedizin in Klinik und Praxis e.V. und dem PsychotherapeutInnen- Netzwerk Münster und Münsterland e.V. sowie allen beteiligten Akteuren am Infomarkt für die gute Zusammenarbeit. Auch für den Oktober 2018 ist wieder ein Tag der seelischen Gesundheit in Münster geplant.

zurück zu »Aktuelles«